Story 21.06.2018

Vom Linienpilot zum Pilatus Ferry-Piloten – Nik Gammeter

Nik Gammeter war nicht nur langjähriger Linienpilot, sondern auch Fluglehrer und Experte für Fluglehrerprüfungen. Das Fliegen fasziniert ihn, deshalb hat er auch nach seiner Pensionierung nicht damit aufgehört. Pilatus Flugzeugwerke AG

Nik, wolltest du schon immer Pilot werden?
Ja, schon relativ früh. Als ich zehn Jahre alt war, hab ich von meinem Götti einen Rundflug geschenkt bekommen. Davor wollte ich eigentlich Lokführer werden, aber das Fliegen hat mich mehr fasziniert. Ich habe im Gymnasium zusammen mit einem Kollegen die Aufnahmeprüfung zur fliegerischen Vorschulung gemacht. Für diese brauchte ich eine Unterschrift meiner Eltern, da ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht volljährig war. Dies war gar nicht so einfach: Meine Mutter hatte Angst um mich und gab die Unterschrift nur, da sie dachte, dass ich die Prüfung sowieso nicht bestehen würde.

Welche Gründe führten dich zur Berufsfliegerei?
Die Faszination des Fliegens an sich und die immer wieder neuen Herausforderungen – man hat nie ausgelernt. Der zweite Grund war die Ausbildung. Ich war schon im Militär Fluglehrer und bei der Swissair und Swiss habe ich das beibehalten. Ich versuche auch heute noch junge Leute für diesen Beruf zu motivieren, weil es ein äusserst faszinierendes Arbeitsgebiet ist. 

Was fasziniert dich denn genau? 
Die Maschinen, die Geschwindigkeit und die dritte Dimension! Man sieht die ganze Welt aus einer anderen Perspektive. Ich bin als Linienpilot etwa 70 Mal nach New York geflogen, wobei kein Flug gleich war. Mitte Januar hatte ich bereits meinen 21. Ferry-Flug mit einem PC-12 und jede Reise ist anders. 

Kannst du uns erklären, was ein Ferry-Flug ist? 
Die Flugzeuge, welche Pilatus für den europäischen, asiatischen und afrikanischen Markt produziert, werden am Hauptsitz in Stans fertiggestellt. Die Flugzeuge für den amerikanischen Markt werden bei der Tochtergesellschaft Pilatus Business Aircraft Ltd in Broomfield in den USA fertiggestellt. Ein Ferry-Flug ist eine Überführung eines sogenannten «Rohlingsflugzeugs». Manche Flugzeuge sind nicht einmal lackiert, sie haben lediglich eine Grundierung. Das Cockpit ist natürlich fertig, aber das gesamte Interieur ist quasi leer. Im Rumpf sind nur die Isolation und eine Bodenplatte, die den Unterboden schützt, eingebaut. Alles andere wird erst in Amerika vervollständigt.

Wie bist du auf Pilatus aufmerksam geworden?
Die Frau von Reto Aeschlimann, Cheftestpilot bei Pilatus, war Flugbegleiterin bei der damaligen Swissair. Sie war in den 90er Jahren auf einem Flug nach Hongkong, bei dem ich als Co-Pilot und Reto als Passagier mitflog. Ich kannte Reto von der gemeinsamen Zeit in der Militärfliegerei, wir hatten seitdem aber keinen Kontakt mehr. Ein Zufall, dass er im gleichen Flieger sass. Als es für mich Richtung Pensionierung ging, habe ich ihn kontaktiert und ihm mitgeteilt, dass ich gerne noch etwas in der Fliegerei machen möchte. Dann ging es schnell: im März die praktische Prüfung für den PC-12, Ende Mai der letzte Linienflug und anfangs Juni der erste Ferry-Flug für Pilatus. Seither konnte ich viele interessante Flüge dank Pilatus erleben. Ich bin viele Flugplätze angeflogen, welche ich von der Linienfliegerei bisher nur aus der Luft kannte.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Ferry-Pilot aus?
Die Vorbereitung fängt bereits zwei bis drei Tage vor dem Ferry-Flug an. Ich erledige die Administration: Ich buche Hotels an den Destinationen und erledige die komplette Abwicklung sowie die Einwanderungs- und Zollformalitäten. Anschliessend beginne ich mit dem Wetterstudium. Damit kann ich mir dann einen Grobplan zurechtlegen: Ist die normale Route möglich? Muss ich etwas anpassen? Am Abend vor dem Abflug erstelle ich die definitiven Flugpläne für die ersten zwei Flugabschnitte und eine erste Treibstoffberechnung für die langen Flugstrecken des zweiten Tages. Am Tag des Abflugs kontrolliere ich die neusten Wetterdaten und stelle die Notausrüstung zusammen. Sie beinhaltet insbesondere den «Trockenanzug» und ein Boot. Das gesamte Notfallequipment muss ich für jeden Flug selber kontrollieren und bereitlegen. Dann geht es endlich los. Der Ferry-Flug dauert dann normalerweise drei Tage.

Was ist dein bestes Erlebnis als Ferry-Pilot?
Das Faszinierendste während den Ferry-Flügen sind die immer neuen Wettereindrücke und speziell von Reykjavík nach Neufundland die Sicht auf Grönland. Die Insel präsentiert sich immer unterschiedlich, je nach Jahreszeit. Das beste Erlebnis nebst den Ferry-Flügen war für mich der Flug mit einem neuen PC-12 NG an die Bangalore Airshow nach Indien.

Was magst du am PC-12 besonders?
Ich bin ein «Elektronikfreak» und finde das Cockpit, welches der PC-12 NG hat, absolute Spitzenklasse! Ich flog sehr lange mit Rundinstrumenten, zum Beispiel auf dem Jumbo und dann ab 1996 18 Jahre lang mit Airbus. Eine so moderne Avionik, wie sie im PC-12 NG eingebaut ist, habe ich davor noch nie gesehen. Es ist absolut faszinierend, welche Möglichkeiten diese Systeme bieten. Davon können viele Airlinepiloten nur träumen.

Du warst Fluglehrer und Experte für Fluglehrerprüfungen. Gibt es eine spannende Geschichte, welche du uns erzählen kannst?
Als ich im 2014 die Umschulung auf den PC-12 NG absolvierte, kam der Fluglehrer und heutige Pilatus Testpilot Anthony Vallon zu mir und zeigte mir sein Flugbuch: Ich hatte vor einigen Jahren seine Flugprüfung in Sion abgenommen – und jetzt bildete er mich auf dem PC-12 aus. Was für ein Zufall! 

Zum Schluss interessiert uns noch eines: Was ist der Unterschied zwischen einer Landung mit einem A330 und einem PC-12?
Eigentlich gibt es da keine grossen Unterschiede. Eine saubere Landung ergibt sich durch einen stabilisierten Anflug – das gilt für alle Flugzeugtypen genau gleich. Wenn der Anflug stabil ist, kommt man an einen Punkt, wo die Landung anfängt, ins sogenannte «Gate». Ab diesem Zeitpunkt ist der Ablauf für jeden Flugzeugtypen individuell. Der A330 hat zwar im Vergleich zum PC-12 mehr Masse, aber das Prinzip ist das gleiche.

Nik, vielen herzlichen Dank für die spannenden Einblicke in dein Leben als Ferry- und langjähriger Linienpilot. Wir wünschen dir noch viele erinnerungswürdige Momente und alles Gute!